Was Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen erleben, beeinflusst
körperliche Prozesse. Dies gilt vom Beginn des Lebens an über die gesamte
Lebensspanne hinweg. Beziehungserfahrungen werden vom Gehirn in biologische
Signale "übersetzt", welche Einfluss auf biologische Reaktionen bis hin zur
Regulation der Genaktivität haben. Das Gehirn macht aus Psychologie
Biologie. Alles was wir erleben, hinterlässt einen biologischen
Fingerabdruck.
Neuere neurobiologische Studien zeigen, daß das Streben der
Motivationssysteme des menschlichen Gehirns auf Beachtung, Anerkennung und
gelingende zwischenmenschliche Beziehungen gerichtet ist. Wo Beziehungen
anhaltend entzogen werden oder schwer beeinträchtigt sind, kommt es nicht
nur zu einem biologischen "Absturz" der Motivationssysteme. Es steigt auch
das Risiko von seelischen und körperlichen Erkrankungen. Mit Blick auf die
Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen bedeutet dies: Es
kann keine Motivation ohne Beziehung geben.
Zu den neurobiologischen Instrumenten, die uns zum Mitgefühl und zur
Empathie befähigen, und die uns damit die wichtigste Komponente für gute
zwischenmenschliche Beziehungen bereitstellen, gehört das erst vor kurzem
entdeckte System der Spiegelnervenzellen ("Mirror Neuron System", MNS).
Spiegelnervenzellen befähigen uns, die inneren Befindlichkeiten,
Stimmungen, Motive und Gefühle anderer Menschen intuitiv zu erfassen und zu
verstehen.
Vor dem Hintergrund neuerer neurobiologischer Erkenntnisse wird deutlich:
Ungeachtet des weltweiten Vorherrschens von Gewalt und Destruktion ist der
Mensch ein für gute Beziehungen "konstruiertes" Wesen. Die Evolution
scheint den Menschen jedoch "auf halber Strecke" abgesetzt zu haben: Zwar
sind wir auf Zuwendung und Kooperation angewiesene Wesen, wir besitzen
jedoch keine uns von der Natur automatisch mitgegebene Fähigkeit zur
jederzeit guten Beziehungsgestaltung. Diese Lücke zwingt die Menschheit auf
einen Suchprozess. Dieser Suchprozess ist es, was wir Kultur nennen.
Literatur: "Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren",
Hoffmann und Campe 2006