Viele Jahrhunderte lang und in allen Kulturen bestand die zentrale Aufgabe von Erziehung darin, die nachwach-sende Generation in Familie und Schule auf das Leben als Erwachsene in einer Weise vorzubereiten, dass die bestehende Ordnung der herrschenden Gesellschaft mit ihren religiösen Werten und Normen bestätigt und in ihren sozialen und materiellen Strukturen reproduziert wird. Schon immer waren damit Konflikte zwischen den Generationen verbunden. Dabei haben sich - seit der Aufklärung - die Pädagogen oft als Anwälte der aufbegehrenden Jugend verstanden und versucht, die herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen durch pädagogische Utopien in Frage zu stellen und durch kindgemäße, menschengerechte Formen von Erziehung zu überwinden.
Angesichts der zunehmenden Auflösung traditioneller Lebensverhältnisse einerseits und der offensichtlichen Zukunftslosigkeit unserer materialistischen, an ständig steigendem Konsum von Waren und Dienstleistungen orientierten Lebensweise andererseits suchen viele Menschen nach innerem, psychischem Halt in therapeuti-schen Beziehungen und weiterreichende spirituelle Orientierung in meditativen Praktiken. Dabei entdecken sie, wie die Sorge um die Zukunft der Erde mit der Fürsorge für sich selbst untrennbar verbunden ist, äußere Bedin-gungen innere Beziehungen spiegeln. (In der sozialwissenschaftlichen Diskussion galt jahrzehntelang umgekehrt, dass die Umweltbedingungen die persönlichen Entwicklungschancen bestimmen.) Der Mainstream erzie-hungswissenschaftlicher Forschung hingegen orientiert sich weitgehend am Paradigma quantitativer Input-Output-Optimierung.
Aber die Diskussion über die alte Frage: ‚Wie wollen und können wir leben?’ ist in Bewegung geraten und hat neue Perspektiven im interdisziplinären Gespräch aufgeworfen. Dazu gehören Fragen wie: Macht die neurobiologische Forschung die kritische pädagogische Reflexion überflüssig? Kann und soll Psychotherapie die Folgen defizitärer Erziehung überwinden und kompensieren? Können Formen spiritueller Praxis die Auseinanderset-zung mit sozialen und psychodynamischen Konflikten ersparen und/oder deren Verständnis vertiefen? Und: Wie gehen wir innerlich und äußerlich mit den von den Naturwissenschaften prognostizierten ökologischen Katast-rophen im Gefolge des Klimawandels um?
Finden sich angesichts der gegenwärtigen babylonischen Sprachverwirrung innerhalb und zwischen den Erziehungswissenschaften, verschiedenen psychotherapeutischen Schulen und spirituellen Disziplinen im Gestrüpp konkurrierender Heilsversprechungen hinreichend verlässliche Wegmarken zu Anknüpfungspunkten, Übergängen und Grenzflächen (im Sinne Gregory Batesons)? Wie können sich Erziehung, Therapie und spirituelle, meditative Praxis in Wissenschaft und Alltagspraxis in einer Weise ergänzen, um äußeres und inneres Leiden zu vermindern und den kommenden Generationen eigene Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten offen halten, vielleicht sogar eröffnen?