Das natürliche Substrat geistiger Prozesse: Neurobiologische Voraussetzungen der Suche des Menschen nach Sinn.

Die im menschlichen Gehirn angelegten neuronalen und synaptischen Verschaltungsmuster sind weitaus plastischer und an neue Nutzungsbedingungen anpassbarer als bisher angenommen. Wichtige individuell gemachte Erfahrungen, hinterlassen Spuren in Form gebahnter neuronaler und synaptischer Verschaltungsmuster im Gehirn. Diese Muster oder inneren Bilder werden im späteren Leben benutzt, um sich in der Welt zurecht zu finden. Dabei werden sie zeitlebens durch neue Eindrücke überlagert und weiter modifiziert und  eng an die emotionalen und körperlichen Reaktionen gekoppelt, die mit jeder neuen Erfahrung einhergeht.

Eigene, in sozialen Beziehungen gemachte Erfahrungen sind die wichtigsten Trigger für die Strukturierung komplexer neuronaler Verschaltungsmuster im menschlichen Gehirn. Subjektive Bewertungen und die damit einhergehende Aktivierung emotionaler (limbischer) Systeme entscheiden über die Art und das Ausmaß der im Hirn ablaufenden Anpassungsprozesse. Diese subjektiven Bewertungen wiederum sind abhängig von bisher gemachten, frühen Erfahrungen bei der Bewältigung von Problemen und Herausforderungen (Selbstwirksamkeitskonzepte, Selbstbild, Halt- und Sicherheit-bietende Orientierungen).

Im Verlauf der Hirnentwicklung kommt es immer wieder zu einer Überlagerung der auf jeder Entwicklungsstufe bereits entstandenen neuronalen Netzwerke durch neue, übergeordnete, die Funktionen der älteren Strukturen koordinierende und integrierende Netzwerke. Die jüngste dieser, den in tiefer liegenden Strukturen „Sinn“ verleihende und Kohärenz erzeugende Ebenen neuronaler Netzwerke ist beim Menschen im zuletzt und am langsamsten ausreifenden präfrontalen Cortex lokalisiert. Die hier im Verlauf von Erziehung und Sozialisation erfahrungsabhängig herausgebildeten Netzwerkstrukturen bilden die Grundlage all jener Metakonzepte und Metakompetenzen, mit deren Hilfe jeder Mensch seine Erfahrungen bewertet, seine Entscheidungen trifft und seine Ziele festlegt. Sie sind also entscheidend dafür, wie und wofür ein Mensch sein Gehirn nutzt – und damit auch weiter strukturiert. Dabei muss jeder Mensch versuchen, immer wieder eine Kohärenz zwischen seinen bisher gemachten Erfahrungen und den Erfordernissen seiner sich ständig wandelnden Lebenswelt herzustellen – indem er in sich und in seiner Welt nach Sinn sucht.

Diese neuen Erkenntnisse und Betrachtungsweisen machen deutlich, dass die Suche des Menschen nach Sinn, und damit seine Spiritualität, in der inneren Organisation unseres Gehirns angelegt ist, dass es aber von den im Verlauf seiner Sozialisation gemachten Erfahrungen und kulturellen Überlieferungen abhängt, an welchen Bildern, Ideen und Überzeugungen sich jeder Mensch bei dieser Suche orientiert.


Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Inst. f. Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Schwerpunkte seiner gegenwärtigen Tätigkeit: Einfluß psychosozialer Faktoren und psychopharmakologischer Behandlungen auf die Hirnentwicklung, Auswirkungen von Angst und Stress und Bedeutung emotionaler Beziehungen. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und populärwissenschaftliche Darstellungen (Sachbuchautor). Mitbegründer von Win-future.de (Netzwerk Erziehung und Sozialisation) und Mitorganisator der „Göttinger Kinderkongresse“.

Literatur:

Hüther, Gerald (1997): Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen.

Hüther, Gerald (1999): Die Evolution der Liebe, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen.

Hüther, Gerald (2001) Die Macht der inneren Bilder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Hüther, Gerald (2001): Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Hüther, Gerald (2006): The Compassionate Brain. Shambala Publications, Boston.

Hüther, Gerald (2006); Bergmann, W. (2006): Cumputersüchtig. Kinder im Sog der digitalen Medien. Patmos-Verlag.

Gebauer, K.; Hüther, Gerald (2001): Kinder brauchen Wurzeln, Walter Verlag Düsseldorf.

Gebauer, K.; Hüther, Gerald (2002): Kinder suchen Orientierung, Walter Verlag Düsseldorf.

Gebauer, K.; Hüther, Gerald (2003): Kinder brauchen Spielräume, Walter Verlag Düsseldorf.

Gebauer, K.; Hüther, Gerald (2004): Kinder brauchen Vertrauen. Patmos Verlag Düsseldorf.

Gebauer, K.; Hüther, Gerald (2004): Kinder gezielt fördern. Gräfe und Unzer, München.

Prekop, J. ; Hüther, Gerald (2006): Die Schätze unserer Kinder: Ein Entdeckerbuch für Eltern und andere neugierige Schatzsucher. Kösel-Verlag.