"Papa, das hat mir doch der Gott gesagt" - Prof. Dr. Klaus Kießling

Zugänge zu einer Kinderspiritualität

Menschen, die erzählen, wes Geistes Kind sie sind, gewähren Einblicke in ihre Spiritualität. Diese gestaltet sich als offener Prozeß der Erfahrungsbildung, der – wie alles Lernen – von Kindesbeinen an auf Unterstützung und Begleitung angewiesen ist, aber im Lehren nicht vorweggenommen werden kann. Und Lehrsätze Erwachsener können nicht annähernd so radikal sein wie die Fragen von Kindern. Kinder fragen nach dem Leben, sie fragen nach Gott, und sie verweigern sich mit gutem Recht denjenigen Auskünften, von denen sie selbst ahnen, wie hilflos sie sind – hilflos gegenüber der Tiefe des Problems, das sie bewegt.

Wissenschaftliche Diskussionen kreisen vorrangig um (religions-) pädagogische Entwürfe, die jede Entwicklung in Stufen modellieren und auf diese Weise Orientierung bieten. Spirituelles Wachsen setzt dann darauf, Stufe um Stufe hinter sich zu bringen, „niedrigere“ Stufen zu verlassen und „höhere“ zu erklimmen. Aber laufen Stufenmodelle nicht Gefahr, Kinder in ihrer je eigenen Spiritualität zu unterschätzen? Dafür, daß Kinder Bilder Gottes und des Himmels oft wörtlich auffassen, lassen sich in der Tat empirische Nachweise anführen, aber auch für ihre Fähigkeit zu metaphorischem Verstehen und zu eigenem metaphorischem Sprechen liegen heute zahlreiche Forschungsbelege vor – in kreativen Zeugnissen von Kindern, die sich mit Fragen auseinandersetzen, die größer sind als sie selbst. Kinder, die sich in ihren Fragen ernst genommen fühlen, behalten die Chance, daran und damit größer zu werden, und die Freude an eigenen Entdeckungen – letztlich an der Erschließung einer Beziehung, in der Kindern aufgeht, was sie unbedingt angeht.

Auch die Großen wollen lieber selber auf den Trichter kommen, als sich Doktrinen eintrichtern zu lassen. Und doch bleiben Große und Kleine dabei auf Beziehung angewiesen: Zugänge zu einer Kinderspiritualität gewähren mir als Forscher und Lehrer Schülerinnen und Schüler, Ein­blicke gestatten mir als Vater aber auch Gespräche mit meinen eigenen Kindern, beispielsweise wenn mich unser Erstgeborener angesichts seiner Einsichten und Kenntnisse in Staunen versetzt. Ich frage ihn nach seiner geheimen Quelle, aus der er seine Überzeugungen schöpft, und vernehme sein souveränes Stimmchen: „Papa, das hat mir doch der Gott gesagt.“ Kinder lernen voneinander und von Erwachsenen – und umgekehrt: Denn welche Zugänge zu einer Spiritualität eröffnen sich denen, die nicht werden wie die Kinder?