Walach - Spiritualität und Wissenschaft

Spiritualität und Wissenschaft – Brauchen sie einander? Schliessen sie einander aus? Ergänzen sie sich?

Wissenschaft ist unser kollektives Bestreben möglichst irrtumsfreie Kenntnis von der Welt zu erlangen und von den Gesetzen, die sie beherrschen. Wissenschaft ist als Institution ein Kind der europäischen Aufklärung. Seit dem Mittelalter hat sie sich von ihrer ursprünglichen Bindung an die christliche oder islamische Religion langsam aber unaufhaltsam gelöst und ist heute wohl das einzige weltumspannende, Unternehmen der gesamten Menschheit, das einigermassen friedlich, erfolgreich und wirklich global ist. Es ist gerade die Loslösung von jeglicher Dogmatik und die Berufung auf die Vernunft als Richtschnur, die das Unternehmen Wissenschaft offenbar erfolgreich und friedlich macht, wohingegen religiös oder weltanschaulich motivierte Dogmatik unweigerlich zu Streit und Krieg geführt hat und dies immer noch tut. Ist angesichts dieser Situation die offenkundige Rückkehr der Spiritualität nicht ein anti-aufklärerischer Atavismus? Ist nicht die Copula „und“ zwischen „Spritualtität“ und „Wissenschaft“ ein Affront?

Dieser Beitrag versucht auf derlei Fragen einige mögliche Antworten zu skizzieren. Wir werden, ausgehend von der historischen Analyse und Situation, sehen, dass und inwiefern Spiritualität und Wissenschaft aufeinander bezogen sind, ja, dass sie sich sogar notwendig gegenseitig bedingen. Voraussetzung für eine entkrampfte und fruchtbare Beziehung zwischen Wissenschaft und Spiritualität sind, erstens, die Entkopplung von Spiritualität und Religion und, zweitens, die gleichzeitige Dekonstruktion aller Spielformen dogmatischer Wissenschaft als Religionsersatz.

Harald Walach
University of Northampton & Samueli Institute European Office, UK